PISA 2025: Auftrag auch an die Digitale Drehtür
Datum: 11/2026
Von der Bildschirmzeit zur Bildungszeit: ein Statement von Prof. Dr. Silvia Greiten
Was bedeuten die Ergebnisse von PISA 2025 für die Bildungsinitiative Digitale Drehtür? Prof. Dr. Silvia Greiten, die die Initiative wissenschaftlich begleitet, ordnet die Studie in einem Statement ein. Ihr Fazit: Die Digitale Drehtür sollte nicht als zeitlich begrenztes Digitalprojekt verstanden werden, sondern als länderübergreifende Bildungsinfrastruktur, die es weiterzuentwickeln und nachhaltig zu unterstützen lohnt.
Das Statement in sechs Punkten
Mehr als Mindeststandards
Basiskompetenzen stärken und zugleich Potenziale und Begabungen entfalten sowie Leistungsspitzen fördern. Mit ihren Angeboten, Strukturen und ihrer Flexibilität passt die Digitale Drehtür zu dieser Aufgabe.
Qualität statt Quantität
Nicht wie viel digitale Technik genutzt wird, entscheidet, sondern wie gut sie pädagogisch und didaktisch eingesetzt wird. Die Digitale Drehtür schafft dafür strukturierte Lerngelegenheiten und zusätzliche Zugänge zu anspruchsvollem Lernen.
Lernen in der digitalen Welt
Der neue PISA-Bereich „Learning in the Digital World“ betont selbstständiges Arbeiten mit Wissen und digitalen Ressourcen. Die Digitale Drehtür bietet dafür Lernräume, die den regulären Unterricht ergänzen.
Motivation und Herausforderung
Bei vielen jungen Menschen sind Interesse und Neugier da, doch Schule aktiviert sie nicht immer ausreichend. Hier liegt eine besondere Stärke der Digitalen Drehtür: Aus Neugier kann Lernmotivation erwachsen.
KI reflektiert nutzen
Die Frage ist nicht mehr, ob Schülerinnen und Schüler KI nutzen, sondern wie sie lernen, digitale Technologien und KI produktiv, kritisch, reflektiert und eigenständig einzusetzen. Die Digitale Drehtür kann dafür ein Entwicklungs- und Erprobungsraum sein.
Förderung und Bildungsgerechtigkeit
Nicht jede Schule, Region oder jedes Bundesland kann passende Angebote für alle Interessen und Begabungen vorhalten. Eine länderübergreifende Initiative bündelt Angebote und Expertise und macht sie schul- und länderübergreifend zugänglich.
Das Statement im Wortlaut
(1) PISA 2025 stellt das deutsche Bildungssystem erneut vor erhebliche Herausforderungen. Die Antwort darauf darf sich nicht auf die Sicherung von Mindeststandards beschränken. Ein leistungsfähiges Bildungssystem muss mehr leisten: Basiskompetenzen stärken und Mindeststandards sichern – und zugleich Potenziale und Begabungen entfalten sowie Leistungsspitzen herausfordern und fördern. Genau hier liegt die strategische Bedeutung der Bildungsinitiative Digitale Drehtür. Mit ihren Angeboten, Strukturen und ihrer Flexibilität weist sie eine hohe Passung zu den durch PISA sichtbar werdenden Herausforderungen auf. Zugleich besitzt sie erhebliches Entwicklungspotenzial für die Gestaltung zukunftsfähiger Lernangebote.
(2) PISA 2025 schärft unseren Blick auf digitale Bildung. Nicht die Quantität digitaler Nutzung entscheidet, sondern deren pädagogische und didaktische Qualität. Digitale Technologien müssen so eingesetzt werden, dass sie anspruchsvolle Lernprozesse ermöglichen. Die Digitale Drehtür schafft hierfür pädagogisch strukturierte, zielgerichtete Lerngelegenheiten und nutzt Digitalisierung, um zusätzliche Zugänge zu anspruchsvollem Lernen zu eröffnen. Pointiert formuliert: Es geht um den Weg von der Bildschirmzeit zur Bildungszeit.
(3) Der neue PISA-Bereich „Learning in the Digital World“ weist in eine Richtung, die für die Digitale Drehtür zentral ist. Schülerinnen und Schüler sollen nicht nur Wissen erwerben, sondern zunehmend lernen, mit Wissen selbstständig zu arbeiten, digitale Ressourcen sinnvoll einzusetzen, komplexe Probleme zu bearbeiten und Verantwortung für ihre Lernprozesse zu übernehmen. Hierfür bietet die Digitale Drehtür Lernräume, die regulären Unterricht ergänzen und selbstständiges und interessengeleitetes Lernen ermöglichen. Damit eröffnet sie Lerngelegenheiten für Kompetenzen, die für zukunftsfähiges Lernen zunehmend bedeutsam sind.
(4) Besondere Aufmerksamkeit verdient der Zusammenhang von Motivation und Herausforderung. PISA zeigt hier ein bemerkenswertes Spannungsfeld: Bei vielen jungen Menschen sind Interesse und Neugier vorhanden – Schule erreicht und aktiviert dieses Interesse jedoch nicht immer ausreichend. Potenzial- und Begabungsförderung bedeutet deshalb, Schülerinnen und Schülern anspruchsvolle Lerngelegenheiten anzubieten, die an vorhandenen Interessen ansetzen, zugleich aber auch ermöglichen, neue Interessen und eigene Potenziale überhaupt erst zu entdecken. Genau hier liegt eine besondere Stärke der Digitalen Drehtür: Aus Neugier kann Lernmotivation, aus Interesse vertieftes Lernen und aus Potenzial Leistung erwachsen.
(5) Die rasante Verbreitung generativer KI erhöht die Bedeutung qualitätsgesicherter digitaler Lernräume zusätzlich. Die bildungspolitisch entscheidende Frage ist längst nicht mehr, ob Schülerinnen und Schüler KI nutzen. Entscheidend ist, wie sie lernen, digitale Technologien und KI produktiv, kritisch, reflektiert und eigenständig einzusetzen. Die Digitale Drehtür kann hierfür ein wichtiger Entwicklungs- und Erprobungsraum sein und dazu beitragen, anspruchsvolles Lernen mit einem pädagogisch verantworteten Umgang mit neuen Technologien zu verbinden.
(6) Schließlich verbindet die Bildungsinitiative Digitale Drehtür individuelle Förderung mit Bildungsgerechtigkeit – und darin liegt zugleich ihr besonderer länderübergreifender Mehrwert. Nicht jede Schule, nicht jede Region, nicht jedes Bundesland kann für unterschiedliche Interessen, Potenziale und Begabungen junger Menschen entsprechende Lernangebote vorhalten. Eine länderübergreifende Initiative ermöglicht es, hochwertige Angebote und Expertise zu bündeln und Schülerinnen und Schülern schul- und länderübergreifend zugänglich zu machen. Aus regional und institutionell unterschiedlich verfügbaren Ressourcen kann so eine gemeinsame länderübergreifende Bildungsinfrastruktur für individuelle Potenzial- und Begabungsförderung entstehen.
Für die KMK eröffnet die Bildungsinitiative Digitale Drehtür eine strategische Chance. Diese Initiative sollte nicht primär als zeitlich begrenztes Digitalprojekt verstanden werden, sondern als länderübergreifende Bildungsinfrastruktur für zukunftsfähiges Lernen – mit hohem Innovationspotenzial auch für die Lehrerbildung. Sie verbindet mehrere Aufgaben, die durch PISA 2025 erneut sichtbar werden: die Förderung sowohl von Basiskompetenzen als auch von Leistung, Potenzialen und Begabung, die Stärkung von Motivation und Selbstständigkeit, die pädagogisch qualitätsvolle Gestaltung digitalen Lernens und den reflektierten Umgang mit KI sowie einen breiteren Zugang zu individueller Förderung als Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit.
Aus diesen Gründen lohnt es sich, die Digitale Drehtür länderübergreifend weiterzuentwickeln und nachhaltig zu unterstützen. Das Bildungssystem in Deutschland braucht nicht nur Strukturen zur Sicherung von Mindeststandards. Es braucht ebenso – und mit PISA 2025 immer mehr – Strukturen, die Lernsituationen und das Bildungssystem innovieren, die in der Lage sind, die Neugier junger Menschen zu erhalten und anzuregen, ihre Potenziale und Begabungen zu entdecken, sichtbar zu machen und zu entwickeln und Schülerinnen und Schülern anspruchsvolle Lernwege zu eröffnen. Und zwar unabhängig davon, an welcher Schule oder in welchem Bundesland sie lernen und mit welchem sozio-ökonomischen Kontext sie im Bildungssystem heranwachsen und lernen
Zur Autorin
Prof. Dr. Silvia Greiten ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und begleitet die Bildungsinitiative Digitale Drehtür wissenschaftlich.
Hintergrund PISA 2025
Die OECD hat die Ergebnisse von PISA 2025 am 8. September 2026 veröffentlicht. Erstmals wurde dabei auch erhoben, wie gut Jugendliche in der digitalen Welt lernen und Probleme lösen („Learning in the Digital World“). Zu den PISA-Ergebnissen der OECD