Underachievement begegnen mit der Digitalen Drehtür
Datum: 07/2026
Wenn Potenzial unsichtbar bleibt
Ein Kind, das im Gespräch verblüffende Gedankengänge entwickelt, ungewöhnliche Lösungswege findet und über Gott und die Welt philosophiert und trotzdem regelmäßig mit einer Vier nach Hause kommt. Diese Konstellation ist im Schulalltag häufiger, als viele vermuten. Und sie ist selten ein Zufall.
Ein hohes kognitives Potenzial führt nicht automatisch zu guten Leistungen. Die Lücke zwischen dem, was Lernende eigentlich könnten, und dem, was sie tatsächlich zeigen, bleibt oft unbemerkt. Doch woran lässt sich diese Lücke erkennen, wie entsteht sie und was können Lehrkräfte tun, bevor sich Frust und Lernrückstände verfestigen?
Zum Hintergrund: NELExperts – Underachievement begegnen
Dieser Beitrag basiert auf dem Kurzvortrag „Underachievement begegnen“ mit Dr. Lara Maschke von der Digitalen Drehtür, der am 25.06.2026 im Rahmen der Reihe NELExperts stattfand.
Lara Maschke bringt langjährige Erfahrung aus ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg mit, wo sie zu Grundschulpädagogik und insbesondere zur Kommunikation zwischen Lernenden und Lehrkräften sowie zur Begabungsförderung gearbeitet hat. Heute ist sie Projektkoordinatorin bei der Digitalen Drehtür.
Was ist Underachievement?
Der Begriff leitet sich vom englischen achievement ab, also von Leistung und Performanz. Ihm liegt eine schlichte, aber folgenreiche Einsicht zugrunde. Intelligenz ist nicht gleich Performanz. Was ein Kind potenziell leisten könnte, und was am Ende auf dem Zeugnis steht, sind zwei verschiedene Dinge.
Von Underachievement spricht man, wenn zwischen dem Potenzial eines Schülers oder einer Schülerin und der tatsächlich gezeigten Leistung eine signifikante Differenz besteht, das Potenzial also deutlich über dem liegt, was im Unterricht sichtbar wird.
Genau hier liegt die zentrale Hürde. Underachievement überhaupt zu erkennen. Denn wer unauffällig durchschnittliche Leistungen zeigt, fällt im Schulsystem selten auf. Auffällig wird meist das Verhalten, nicht das ungenutzte Potenzial dahinter.
Woran lässt sich Minderleistung erkennen?
Hinweise finden sich auf zwei Ebenen, die zusammen gelesen werden sollten.
Hinweise im Denken
- hohes Maß an Kreativität
- unkonventionelles Nachdenken über Aufgaben, kreatives Bearbeiten von Arbeitsblättern
- Finden eigensinniger Lösungen
- besondere Leistungen in anderen Kontexten (Musik, Sport, Kunst, eigene Projekte)
- divergentes Denken, Freude am Philosophieren
Hinweise im Verhalten
- Motivationsschwierigkeiten
- geringes Selbstwertgefühl
- fehlende Lernstrategien
- fehlende Selbstorganisation
- Schulangst
Entscheidend ist das Zusammenspiel. Wenn ein Kind außerhalb des Unterrichts erstaunliche Fähigkeiten zeigt, im Unterricht aber Motivation, Struktur und Zutrauen fehlen, lohnt sich ein genauerer Blick.
Wie kommt es eigentlich dazu?
Eine hilfreiche Erklärungsfolie bietet das Achievement Orientation Model nach Siegle und McCoach. Es beschreibt, unter welchen Bedingungen aus Potenzial tatsächlich Engagement für eine Aufgabe wird.
Drei motivationale Faktoren beeinflussen, ob Lernende sich für ihr eigenes Lernen engagieren:
- Umweltwahrnehmung –
Erlebe ich meine Lernumgebung als unterstützend?
Traut man mir etwas zu?
- Sinnhaftigkeit und Interesse
– Ist das, was ich hier tue, für mich bedeutsam?
- Selbstwirksamkeit
– Traue ich mir zu, diese Aufgabe zu bewältigen?
Quelle: https://www.fachportal-hochbegabung.de/oid/10116
Erst wenn diese drei Bereiche zusammenkommen, entsteht Motivation. Doch Motivation allein genügt nicht. Hinzu kommt die Selbstregulierung: Diese umfasst alle erlernten Fähigkeiten und Strategien, das eigene Verhalten, die eigenen Gedanken und Gefühle so zu steuern, dass gesetzte Ziele erreicht werden können. Auch weitere metakognitive Kompetenzen wie Zeitmanagement, Lerntechniken, der Umgang mit Niederlagen und mit Ablenkungen sind relevant, um Potenzial in Leistung umwandeln zu können.
Underachievement ist damit kein Defizit der Person, sondern das Ergebnis eines fehlenden Zusammenspiels aus Motivation, Selbstregulierung und Lernumgebung. Genau das macht es pädagogisch bearbeitbar.
Lernstrategien und Metakognition als Schlüssel
Mit steigender Klassenstufe wachsen Komplexität und Vernetzungsgrad der Lerninhalte. Was in den ersten Schuljahren mit gutem Gedächtnis und schneller Auffassungsgabe noch mühelos gelang, verlangt nun neue Lernstrategien und die Fähigkeit zur Metakognition. Werden diese nicht erworben, wächst das Risiko für die Entstehung und Verfestigung von Underachievement erheblich.
Metakognition meint die Fähigkeit, über die eigenen Kognitionen nachzudenken: Das eigene Nachdenken über Lern- und Verstehensprozesse, die eigenen Gedanken und Wahrnehmungen, aber auch die Fähigkeit, diese auch zu beeinflussen. Konkret heißt das: planen, überwachen, überprüfen, anpassen.
Unterschieden werden dabei:
Deklarative metakognitive Kompetenzen
- Aufgabenwissen
- Personenwissen
- Strategiewissen
Prozedurale metakognitive Kompetenzen
- Planung
- Überwachung
- Steuerung
Best-Practice: Hier wird Lerncoaching bedeutsam. Es setzt genau an den Herausforderungen rund um das Lernen und nicht ausschließlich am Fachinhalt an. Hier werden Selbstorganisation, Strukturierung, Zeitmanagement, Lernstrategien und Motivation erlernt und erarbeitet.
Wie können Lehrpersonen vorgehen?
Der wirksamste Hebel ist zugleich der einfachste: das Gespräch, geführt bei wahrgenommenem Bedarf und mit echtem Interesse.
Leitfragen können sein:
- Was motiviert dich zum Lernen?
- Wann sind gute Leistungen für dich wichtig?
- Traust du dir zu, eine bestimmte Aufgabe zu schaffen?
- Was traust du dir selbst zu? Was glaubst du, trauen andere dir zu?
- Welche Form von Feedback brauchst du?
- Was brauchst du, um gut lernen zu können?
- Was führt dich zu Erfolg oder Misserfolg?
- Welche Lernziele möchtest du dir setzen?
- Wie gehst du mit Ablenkung oder Bedürfnisaufschub um?
- Wie stellst du dir deine Zukunft vor? Welche Lerninhalte brauchst du dafür?
Wie kommt hier die Digitale Drehtür ins Spiel?
Die Digitale Drehtür ist ein länderübergreifendes, unterrichtsergänzendes Bildungsangebot, das den Individualisierungsauftrag von Schule unterstützt. Getragen wird sie von einer Initiative aus zwölf Bundesländern und Österreich, ergänzt um zahlreiche Auslands- und Lizenzschulen. Herzstück ist der Campus mit Live-Kursen, Selbstlernkursen, Projektwerkstätten und Learning Clubs. Im Fokus steht dabei durchgehend das selbstregulierte, interessengeleitete Lernen.
Didaktisch stützt sich das Angebot unter anderem auf das Drei-Ringe-Modell von Renzulli, nach dem hochbegabtes Verhalten aus dem Zusammenspiel von überdurchschnittlichen Fähigkeiten, Kreativität und Task Commitment entsteht, also Engagement, Begeisterung, Interesse und Ausdauer für einen bestimmten Problembereich. Zwei dieser drei Ringe sind unmittelbar motivationale Größen.
Genau dort setzt die Digitale Drehtür an, indem sie das Lernen in den Mittelpunkt stellt und Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zur Steuerung und Regulierung ihres eigenen Lernprozesses eröffnet.
Fazit zum Thema Underachievement
Underachievement ist kein Etikett für einzelne Kinder, sondern eine Beschreibung einer Passungslücke zwischen Potenzial und Gelegenheit, zwischen Können und Zeigen. Wer diese Lücke schließen will, muss an Motivation und Selbstregulierung arbeiten, nicht an noch mehr Unterrichtsstoff.
Die Digitale Drehtür bietet dafür einen Raum, in dem Lernende ihren Interessen folgen, Lernstrategien erwerben und wieder erleben können, dass sich Anstrengung lohnt. Oder kurz: einen Ort, an dem Lernfreude zurückkehren darf.